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Das Comic Festival München

18 Juni 2025
Eines der interessantesten und leidenschaftlichsten Comicfestivals Deutschlands geht in seine zehnte Ausgabe – wir haben mit einem der Gründer und dem Festivalleiter, Heiner Lünstedt, gesprochen.
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Als diese Kolumne ins Leben gerufen wurde, war ich noch nicht lange in Deutschland und befand mich in einer besonderen Situation: weit weg von zu Hause, noch nicht ganz angekommen, verunsichert durch meine Lebensentscheidungen und mit großem Heimweh nach meinem Zuhause, meinen Lieben und den Leidenschaften, die ich nur in meinem Heimatland ausleben zu können glaubte.
In dieser Hinsicht haben mir das Schreiben und der Comic das Leben gerettet – sie boten mir einen Halt, mein Denken zu verändern, und ermöglichten es mir, neue Orte zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen und viele spannende Werke zu lesen.
Cronache tedesche entstand ursprünglich als Reportage über einige Comic-bezogene Veranstaltungen wie den Comic-Salon in Erlangen, die Leipziger Buchmesse oder die Comic Invasion Berlin – Messen und Festivals, bei denen ich den Zugang einer anderen Kultur zu diesem Medium, zu seinen Produkten und seinen Autor:innen kennenlernen konnte. Und nach mehreren Jahren, in denen ich immer wieder zu diesen Messen zurückgekehrt bin, über deutsche Comics (die oft auch in Italien veröffentlicht werden) geschrieben und an langfristigen Projekten gearbeitet habe (die oft nicht zustande kamen), fühlt es sich ein wenig wie eine Rückkehr zu den Ursprüngen an, ein neues Festival zu entdecken.

Das Comicfestival München, heute vielleicht das bedeutendste in Deutschland neben dem Comic-Salon Erlangen und dem Comicfestival Hamburg, hat seit seiner Gründung im Jahr 2007 ein enormes Wachstum erlebt.
In diesem Jahr bietet es ein vier Tage langes Programm, das sich fast ausschließlich dem Medium Comic widmet – mit hochkarätigen Gästen wie Achdé, Paco Roca, Denis Kitchen, Charles Berberian, Paolo Bacilieri und Dave Gibbons, der eigens für diesen Anlass eine exklusive Rorschach-Illustration für den Bierdeckel entworfen hat, der den Besucher:innen als Geschenk mitgegeben wurde.
Um über das Festivalprogramm hinaus einen umfassenderen Blick auf die Welt der Comicfestivals in Deutschland zu werfen, habe ich mich dazu entschieden, ein Interview mit dem Gründer der Veranstaltung, Heiner Lünstedt, zu führen.

Guten Tag, Herr Lünstedt, und vielen Dank für Ihre Zeit.
Zunächst würde ich gerne darüber sprechen, wie das Festival entstanden ist – was waren die Inspirationen und Ideen für seine Gründung?

Auslöser war zweifelsohne, der 1984 erstmals veranstaltete Comic-Salon Erlangen, der in München ein Team um den renommierten Comicexperten Wolfgang J. Fuchs dazu inspirierte im gerade neu eröffneten Kulturzentrum Gasteig die Münchner Comictage zu veranstalten. Diese Veranstaltung fand leider nur einmal statt und es folgen in unregelmäßigen Abständen weitere Festivals, die zunächst von Agenturen im Gasteig und anschließend von der Münchner Comicszene an wechselnden Locations stattgefunden haben. 2007 schließlich wurde beschlossen das Comicfestival alternierend mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Comic-Salon durchzuführen und 2015 wurde mit der Alten Kongresshalle die optimale Örtlichkeit gefunden.
Genau wie der Comic-Salon in Erlangen aber auch das bereits seit 1974 bestehende Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême, sind die Hauptbestandteile unserer Veranstaltung die Verlagsmesse mit Signieraktionen, ein möglichtst breites Spektrum an Ausstellungen, sowie ein buntes Programm aus KünstlerInnengesprächen, Lesungen, Zeichenkursen und einer Preisverleihung.            

Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Momente in der Geschichte des Festivals?
Für uns sind die schönsten Momente natürlich die Begegnungen mit internationalen Gästen, so konnten unsere BesucherInnen 2013 erleben, wie Robert Crumb zusammen mit einer Münchner Band live auf dem Banjo spielte. Ich persönlich erinnere mich sehr gerne an mein Künstlergespräch mit Milo Manara und zahlreiche zwanglose Biergartenbesuche mit Comicgrößen wie Denis Kitchen, Miguelanxo Prado, Henk Kuijpers oder Jock, deren Werke ich bewundere.

Und was sind die Stärken der Festivalausgabe 2025?
Seit dem letzten Festival findet im Rahmen unserer Veranstaltung auch das Animation Festival Munich statt. Zusammen mit Caroline Hamann, der Leiterin des Animationsfestivals, ist es mir gelungen die aus Deutschland stammende Disney-Animationslegende Andreas Deja nach München einzuladen. Ich freue mich sehr den mann kennenzulernen, der unvergessliche Trickfilmfiguren wir den schurkischen Großwesir Dschafar aus Aladdin, den eitlen Gaston aus Die Schöne und das Biest oder den intriganten Scar aus Der König der Löwen geschaffen hat. 
Großartig ist es auch, dass es dem ehemaligen Co-Festivalleiter Michael Kompa gelungen ist, den Watchmen-Zeichner Dave Gibbons nach München einzuladen und dazu zu bewegen uns einen exklusiven Bierdeckel zu gestalten. Dabei handelt es sich um die nach fünf Jahren erste professionelle Zeichnung eines Charakters aus Watchmen von Gibbons.
Sehr freue ich mich auf den amtierenden Lucky Luke-Zeichner Achdé oder auf Ana Miralles & Emilio Ruiz, die bereits das zweite Mal nach München kommen, sowie auf unserem PENG!-Preisträger Chris Scheuer, der mit seiner Familienband aus Österreich anreist und sich selbst ein Ständchen gibt.  

Deutschland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern kein Land mit einer ausgeprägten Comic-Tradition oder -Kultur.
Welches Publikum spricht das Comicfestival in München an, und welches Angebot möchte es diesem Publikum machen?

Die Comicszene in Deutschland ist sicherlich nicht so groß, wie in Frankreich oder Italien, aber dennoch sehr aktiv und oft auch mobil genug, um nach München zu reisen. Wir bemühen aber auch darum, dem Medium Comic neue Leserschichten zu erschließen und engagieren daher stark im Bereich Kindercomics. In der Alten Kongresshalle gibt es einen großen Kindercomics-Stand, der genau wie das zugehörige Programm mit Zeichenkursen und Lesungen, sowie der gerade in der Münchner Innenstadt aktivierte Pop-up-Store von Martina Streble vom Verlag Edition Helden betreut wird.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Comicbranche verändert – sowohl in Bezug auf die Produktion als auch auf das kulturelle Angebot, insbesondere das der Festivals? In welcher Weise werden Festivals von nationalen und lokalen Regierungen unterstützt? Gibt es Gelegenheiten zur Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Festivals, etwa durch Treffen oder durch die Gründung eines Verbandes?
Das Comicfestival München wird zuverlässig vom Kulturreferat der Stadt München gefördert. Im gemeinnützigen Verein Comicstadt München e. V. hat sich seit 2007 eine beständig wachsende Gruppe von Comicenthusiasten formiert, die weiterhin alles dransetzt, aus dem städtischen Budget so viel Comic wie möglich herauszuholen. Wir arbeiten mit dem Comic-Salon in Erlangen, mit dem Nextcomic-Festival Linz und mit der Comiciade in Aachen zusammen.  

Was erwarten Sie von den kommenden Jahren hinsichtlich der Entwicklung der Comicbranche und der darauf spezialisierten Festivals?
Und was dürfen wir konkret vom von Ihnen gegründeten Festival erwarten?

Wir leben in Zeiten, in denen kulturell die Gürtel enger geschnallt werden und Kosten, wie etwa die Hotelpreise derart in die Höhe gehen, dass es manchem Verlag schwer fällt nach München zu kommen. Daher bleibt es eine Herausforderung weitere Festivals auf dem erreichten Niveau durchzuführen. Doch angesichts unseres kleinen aber engagierten Teams schaue ich optimistisch in die Zukunft.

Interview per E-mail zwischen Mai und Juni 2025

Heiner Lünstedt

Geboren 1960 in Hamburg, schrieb der Autor die Comicserie Die Weltenbummler (Carlsen), die von Alfred Neuwald gezeichnet wurde. Eine Comicbiografie über Willy Brandt, verfasst von ihm und illustriert von Ingrid Sabisch, erschien 2013 im Verlag Knesebeck anlässlich des 100. Geburtstags von Brandt. Zwei Jahre später veröffentlichte dasselbe Team eine sehr erfolgreiche Comicbiografie über Sophie Scholl, die auch ins Chinesische und Italienische übersetzt wurde – eine tschechische Ausgabe ist in Vorbereitung.
Als Comic-Fachjournalist schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, Alfonz – Der Comicreporter, Die Sprechblase und Comixene. Seit dem Jahr 2000 betreibt er die Website www.highlightzone.de, auf der er neue Comics, Filme, DVDs, Bücher und CDs rezensiert. Darüber hinaus organisiert er die Veranstaltungsreihe Comic Café im Werkstattkino München und leitet gemeinsam mit Rainer Schneider das Comicfestival München.

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