In nur wenigen Jahren ist Jonas Scharf zu einem bedeutenden Namen in der US-Mainstream-Szene geworden – der einzige deutsche Zeichner, dem in den letzten Jahren der Durchbruch in diesem Markt gelungen ist, wenn man vom bereits etablierten Nic Klein absieht. Nach seinem ersten Werk bei BOOM! Studios, Warlords of Appalachia mit Philip Kennedy Johnson (2018), wurde sein rauer, atmosphärisch-düsterer Stil von Cullen Bunn entdeckt, der ihn für Horrorprojekte wie Bone Parish und Basilisk engagierte.
Während sich sein Strich von Seite zu Seite immer klarer definierte, begann er, erste Schritte bei Marvel zu machen, wo er in der Schlussphase der sogenannten Krakoa-Ära der X-Men an Serien wie X-Men Dark und Dead X-Men beteiligt war.
Doch 2025 markiert seine endgültige Anerkennung: Nach Ultimate Universe: One Year In (Ende 2024) – einem entscheidenden Kapitel des neuen Ultimate-Universums, geschrieben von Deniz Camp – zeichnete er Ultimate Spider-Man: Incursion, in dem Miles Morales mit dieser neuen Welt in Kontakt tritt. Diese Arbeiten führten dazu, dass er (ebenfalls mit Deniz Camp als Autor) der Zeichner von Ultimate Endgame wurde – dem Großereignis, das 2026 möglicherweise das endgültige Ende dieser neuen Iteration des Ultimate-Universums darstellen wird.
Wir haben Jonas Scharf während der Veranstaltung im Walt’s Comic Shop getroffen, die anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Ladens organisiert wurde. Mit ihm sprachen wir über seine Ausbildung, seine Leidenschaft für amerikanische Comics und seine kurze, aber äußerst erfolgreiche Karriere.
Also erstmal vielen Dank! Ich wollte dich fragen, ganz am Anfang: Wann hast du dich entschieden, diese Karriere einzuschlagen? Welche Einflüsse hattest du zu Beginn und welche waren deine ersten Schritte? Auch, weil du ja sehr jung bist – aber hier in Deutschland ist der Comic-Bereich nicht so stark entwickelt wie in anderen europäischen Ländern.
Für mich war es so, dass ich als Kind ein riesiger Star Wars-Fan war. Irgendwann habe ich an einem Kiosk am Bahnhof gesehen, dass es auch Star Wars-Comics gibt. Das waren damals die Dark Horse Comics, also amerikanische Ausgaben, die monatlich erschienen. Hier in Deutschland kamen sie bei Dino bzw. später bei Panini heraus.
Diese Hefte habe ich dann jeden Monat gelesen, und irgendwann fiel mir auf: Hey, da arbeitet ja immer jemand anderes daran! Jeder Zeichner gibt dem Buch einen ganz eigenen Look. Das war vermutlich so in der fünften oder sechsten Klasse.
In meinen Teenagerjahren habe ich dann die Comic-Kunst richtig für mich entdeckt und erkannt, dass es Künstler gibt, die einem Werk wirklich ihren Stempel aufdrücken und bestimmen, wie es aussieht. Und da habe ich für mich beschlossen, dass ich das auch machen möchte.
Und wer waren damals deine Lieblingskünstler? Wer hat deinen Stil später beeinflusst, also woher kam deine Inspiration?
Am Anfang war ich wirklich komplett auf diese Star Wars-Comics fixiert – Künstler wie Davide Fabbri oder Doug Wheatley. Beide haben einen relativ fotorealistischen Stil, würde ich sagen. Mit der Zeit, als ich älter wurde, hat sich mein Geschmack verändert.
Später bin ich dann auf Mike Mignola gestoßen, auf Hellboy und ähnliches – das ist stilistisch ja viel reduzierter. Als ich jünger war, hat mir so etwas überhaupt nicht gefallen. Aber mittlerweile weiß ich sehr zu schätzen, wie viel Arbeit darin steckt, eine Zeichnung auf das Wesentliche herunterzubrechen.
Ich denke, das war die größte Veränderung – dass ich über die Jahre auch Zugang zu abstrakterer Kunst gefunden habe.
Und du hast ja direkt in der amerikanischen Industrie angefangen, richtig? Das war mit Boom! Studios und Warlords of Appalachiazusammen mit Philip Kennedy Johnson. Danach hast du weiter mit Boom! gearbeitet, mit Cullen Bunn und anderen bekannten Autoren. Wie war damals deine Erfahrung mit Boom! und auch mit diesen Autoren?
Zu Boom! bin ich über den Redakteur Eric Harburn gekommen. Er hat mir damals meinen ersten Job gegeben – eben Warlords of Appalachia. Mit ihm habe ich dann auch Bone Parish und Basilisk gemacht.
Er hat mich intern bei Boom! an andere Redakteure weiterempfohlen, und so kam es, dass ich auch Power Rangers oder Planet der Affen zeichnen durfte. Ich konnte offensichtlich gut genug Comics zeichnen, um meinen ersten Job zu bekommen, aber ich habe bei Boom! wirklich gelernt, was mein eigener Stil ist.
Die Projekte dort waren sehr unterschiedlich – Power Rangers auf der einen Seite, Planet der Affen auf der anderen – und man musste sich immer ein Stück weit an das jeweilige Genre anpassen. Ich würde sagen, das war mein eigentliches Training. Man hat da seine „Raps“ gesammelt, wie man so schön sagt.
Der große Durchbruch für mich war Bone Parish. Ich hatte ursprünglich für fünf Hefte unterschrieben, aber das erste Heft hat sich so gut verkauft, dass sie entschieden haben, die Serie auf zwölf Hefte zu verlängern. Cullen Bunn hat mich dann auch offiziell zum Mit-Creator gemacht, denn ursprünglich war es nur ein „Work for Hire“-Vertrag. Bone Parish war für mich also der Durchbruch als Indie-Comic-Künstler.
Cullen und ich haben sehr gut zusammengepasst. Als dann Corona anfing, haben wir direkt mit Basilisk weitergemacht, weil Boom! an den Erfolg von Bone Parish anknüpfen wollte.
Wie ich zu Boom! gekommen bin, war übrigens reiner Zufall: Eric hat mich online angeschrieben. Während meines Studiums habe ich jedes Projekt, das sich irgendwie dafür eignete, als Comic umgesetzt. Ich habe viele Sequentials gezeichnet – also keine Pin-ups, sondern richtige Seiten – und die alle auf DeviantArt hochgeladen.
Damals, 2015, war DeviantArt tatsächlich noch ein gutes Tool, um Künstler zu finden, weil man sehr gut nach Kategorien filtern konnte. Ich glaube, das war ein ziemlich nützliches Tool, um neue Talente zu rekrutieren – vielleicht sogar heute noch. Ich hatte jedenfalls großes Glück, dass Eric mich dort gefunden hat. Anfangs dachte ich sogar, es sei Spam. Aber wir haben dann ein bisschen geschrieben, ich habe eine Testseite gezeichnet – und so kam ich zu meinem ersten Job.
Und dann wurdest du 2020 von Marvel angeschrieben, richtig?
2018 tatsächlich schon. Auch da dachte ich zuerst, jemand will mich veräppeln. Ricky Purdon, der Talentmanager von Marvel, hatte Warlords gelesen – vermutlich über die Verbindung zu Philip Kennedy Johnson – und mir daraufhin eine Kurzgeschichte angeboten. Das war ein Halloween-Special, sechs bis acht Seiten lang. So bin ich dann zu Marvel gekommen.
Und das war dann sozusagen der Kreis, der sich über Philip Kennedy Johnson geschlossen hat.
Ja, genau – Philip Kennedy Johnson.
Aber danach kam Adventures of the Wastelands, oder? Gab es dazwischen noch etwas?
Genau, ich glaube 2019 habe ich mit Adventures of the Wastelands angefangen – meine erste richtige Miniserie bei Marvel. Ich hatte zwischendrin auch noch andere Projekte, aber das war die erste längere Reihe.
Du hast ja gesagt, du warst früher ein großer Star Wars-Fan. Wie war das mit Superhelden? Waren die auch Teil deines Universums oder eher so: „Ja, die gibt’s halt“?
Als Kind habe ich die animierte Serie der Fantastic Four und vor allem Spider-Man geliebt. Aber als Teenager hatte ich Schwierigkeiten, in das Marvel-Universum richtig reinzukommen. Man kennt natürlich Peter Parker und weiß, was Spider-Man tut, aber wenn man ein Heft aufschlägt, ist man oft völlig verloren, weil so viel Continuity dahintersteckt.
Das war immer mein Problem bei Superheldencomics. Ich habe schon einige gelesen, aber ehrlich gesagt, für jemanden, der jetzt exklusiv bei Marvel arbeitet, habe ich wahrscheinlich vergleichsweise wenige Marvel-Comics gelesen.
Das ist interessant – du hast ja gesagt, dass es manchmal schwierig ist, in Superheldencomics reinzufinden, wegen der ganzen Continuity. Jetzt arbeitest du aber am Ultimate Universe– das ist ja etwas ganz anderes. Man kann dort Geschichten lesen, ohne Vorwissen zu haben. Wie war es für dich, Teil dieses neuen Universums zu sein, es mitzugestalten – gerade jetzt mit One Year In, Incursionund bald Endgame?
Das Ultimate Universe ist insofern spannend, weil man bekannte Charaktere hat, mit gewissen Erwartungen, aber gleichzeitig einen völlig neuen Startpunkt. Man kann etwas Frisches erzählen. Dennis schreibt das großartig, und jetzt mit Endgame bekommt das Ganze auch ein richtiges Ende – hoffentlich ein befriedigendes, abgeschlossenes.
Ich persönlich mag abgeschlossene Geschichten. Marvels von Alex Ross und Kurt Busiek zum Beispiel – das liest man, erlebt eine komplette Geschichte, kennt alle Charaktere, und es fühlt sich rund an. So etwas schätze ich. Ich glaube, viele Leser sehen das ähnlich, aber es gibt natürlich auch Fans, die gerade diese nie endende Continuity lieben.
Ich persönlich finde es schön, wenn man kreativ etwas Neues machen darf, ohne 100 Hefte Continuity zu zerstören. Das ist das Spannende an den Ultimate-Titeln – man hat eine Sandbox, in der man frei spielen kann. Dennis hat großen Respekt vor den Charakteren, bringt aber trotzdem frische Ideen ein.
Wie war es für dich, mit Dennis zu arbeiten? Gerade jetzt, wo er ja einer der gefragtesten Autoren bei Marvel ist.
Ich glaube, es passt ganz gut, weil Dennis ja vorher auch viele Indie-Sachen gemacht hat. Soweit ich weiß, hat er mich sogar selbst für Incursion vorgeschlagen – ich muss ihn mal fragen, aber ich glaube schon. Das freut mich natürlich sehr.
Incursion war etwas chaotisch, weil es von Dennis und Cody Ziegler gemeinsam geschrieben wurde. Ich glaube, das war auch für die Redaktion nicht immer einfach. Aber jetzt, mit Endgame, haben wir deutlich mehr Struktur. Wir sind schon in einer E-Mail-Gruppe mit Dennis und Terry, in der wir über Designs und die visuelle Richtung sprechen. Das ist super spannend.
Ich hoffe, wir treffen uns bald mal persönlich – das wäre schön.
Ohne Spoiler – was ist das Spannendste an Endgame für dich? Gibt es etwas im Charakterdesign oder in der Geschichte, das du besonders aufregend findest?
Das Spannendste für mich an Endgame, ist die Welt im Inneren der Kuppel zu erforschen. Ohne zu spoilern kann ich sagen, dass mir auf jeden Fall die letzte Seite von Heft eins, und das Charakterdesign dafür sehr viel Spaß gemacht hat.
Es geht auf jeden Fall so weiter, wie es in Heft eins angefangen hat: High stakes, emotionale Momente, und eine Prise Humor.
Und ein bisschen in die Zukunft gedacht: Wo siehst du dich selbst in fünf Jahren? Gibt es Projekte, die du gerne umsetzen würdest – bei Marvel, DC oder vielleicht woanders?
Aktuell bin ich exklusiv bei Marvel, vermutlich noch für etwa anderthalb Jahre – zumindest, solange ich die unterschriebenen Hefte mache. Das ist angenehm, weil man sich keine Sorgen ums nächste Projekt machen muss.
Ich mag es, zwischen Creator-Owned-Projekten und Superheldencomics abzuwechseln. Superhelden sind cool, aber es ist auch anstrengend, wenn in jedem Panel fünf Charaktere herumspringen und reden. In Creator-Owned-Comics hat man mehr Raum zum Atmen – mehr ruhigere Panels, die man spannend gestalten kann.
Mit Cullen hatte ich oft Seiten, auf denen gar kein Dialog war – einfach stille Panels, in denen die Stimmung trägt. Das liebe ich.
Deshalb: Ich möchte weiterhin eine gute Mischung behalten – zwischen Creator-Owned-Projekten, wo man mehr kreative Kontrolle hat, und Superheldencomics, die einfach Spaß machen. Denn es ist schon ein besonderer Moment, wenn man plötzlich Spider-Man zeichnet, der gegen Spot kämpft – das genieße ich jedes Mal.
Zum Abschluss: Wenn man auf Deutschland blickt, sieht man, dass es historisch gesehen nicht viele deutsche Künstler gibt, die in der amerikanischen Comicindustrie arbeiten. Einer von ihnen ist Nic Klein, der dort seit Jahren sehr erfolgreich tätig ist – aktuell auch an Hulk, das hervorragende Kritiken erhalten hat.
Glaubst du, dass sich in Deutschland etwas verändert, dass sich der Markt stärker für das internationale, insbesondere das US-amerikanische Publikum öffnet?
Ich glaube, in vielen Köpfen ist es immer noch ungewöhnlich, dass ein Deutscher für den amerikanischen Markt arbeitet. Die deutsche Comicszene ist sehr gespalten: Entweder man hat einen Bildungsanspruch – Graphic Novels müssen wichtig und bedeutungsvoll sein – oder man ist im Underground und darf auf keinen Fall kommerziell wirken, sonst gilt man als Sellout.
Ich glaube, das steckt noch tief drin. Ich selbst habe immer amerikanische Comics gelesen – für mich war das keine Frage. Die franko-belgische Szene kenne ich ehrlich gesagt kaum, obwohl ich mir jetzt hin und wieder französische Bücher kaufe, auch um mein Französisch zu üben. Die Kunst ist dort natürlich großartig.
Aber ja, in Deutschland gibt es Potenzial. Dennoch scheint man hier oft auf eine Richtung festgelegt zu sein, und ich weiß nicht genau, warum. Die meisten Interviews, die ich mit deutschen Medien habe, betonen sehr, dass ich „ein Deutscher bin, der für den amerikanischen Markt zeichnet“.
In Ländern wie Italien ist das viel üblicher – dort gibt es ein viel größeres Netzwerk für kommerzielle Kunst, wie sie in den USA produziert wird. In Deutschland ist dieses Netzwerk, glaube ich, einfach noch nicht so ausgeprägt.
Vielen Dank, Jonas, und alles Gute für deine Zukunft!
Interview geführt am 20. September 2025 im Walt’s Comic Shop.
Ein herzliches Dankeschön an das gesamte Team des Walt’s Comic Shop.
Jonas Scharf
Er ist ein deutscher Comiczeichner, geboren 1992 in Nürnberg. Nach seinem Designstudium, das er 2015 abschloss, begann er seine Karriere im Comicbereich. Er arbeitete an eigenen Reihen wie Basilisk und Bone Parish für BOOM! Studios, sowie an etablierten Franchises wie The Witcher.Seit 2023 steht er exklusiv bei Marvel Comics unter Vertrag, wo er an Avengers of the Wastelands, Dark X-Men und Dead X-Men gearbeitet hat, bevor er ins Ultimate-Universum einstieg. Dort zeichnete er Ultimate Universe: One Year In, Ultimate Spider-Man: Incursion und arbeitet derzeit an Ultimate Endgame, dem Abschluss dieser neuen Inkarnation des Ultimate-Universums.






