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Cronache Tedesche: Marie Sann, zwischen Sex-Positivity und Superheldinnen

17 Juli 2026
Ein Gespräch mit der Schöpferin des Projekts Kinky Karrot und Autorin einer Geschichte in der Anthologie Supergirl: The World.
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Supergirl Cover

Wie jede Geschichte der „The World“-Anthologien von DC Comics wird auch die Supergirl-Geschichte, die im Juni bei Panini erschienen ist, einen Beitrag von deutschen Autorinnen und Autoren enthalten. Nach dem von Torsten Sträter geschriebenen und von Ingo Römling gezeichneten Joker sowie einem von Flix illustrierten Superman – dem bekannten Schöpfer humorvoller und satirischer Comics – ist nun die Zeit für Kara-El gekommen, geschrieben von Yann Krehl und gezeichnet von Marie Sann.
Ein besonderer und keineswegs naheliegender Name: Zwar stammt Marie Sann aus der Verlagswelt und veröffentlichte bereits in jungen Jahren beim großen Verlag Tokyopop Geschichten in verschiedenen Manga-Anthologien, in zusammenarbeit  mit Szenarist Guido Neukamm, sowie die Adaption den Roman von Kai Meyer Frostfeuer, zusammen mit Krehl. Vor allem bekannt ist sie jedoch national wie auch international für ihr Projekt Kinky Karrot.
Dieses Projekt verfolgt das Ziel, über Sexualität positiv und ohne Tabus zu sprechen – spielerisch, aber nicht oberflächlich, aus einer weiblichen Perspektive und mit einem Schwerpunkt auf Body Positivity, Bewusstsein sowie Respekt gegenüber allen sexuellen Praktiken und Fantasien. Als Ausdrucksmittel dienen dabei Illustration, Animation, Spiele und auch Comics.
Die erste mit dem Projekt verbundene Graphic Novel trägt den Titel Kinkerlitzchen. Sie wurde zunächst per Crowdfunding finanziert und später von Verlagen wie Splitter Verlag in Deutschland sowie Tentacle in Italien (unter dem Titel Kinkaglierie) veröffentlicht, bevor sie in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt wurde. Nach Texten von Yann Krehl erzählt die Geschichte von der Protagonistin Lizzie, die die verschiedenen Aspekte ihrer Sexualität entdeckt und ein Bewusstsein für ihren Körper und ihre Bedürfnisse entwickelt. Die Figur – ebenso wie die sie umgebenden Charaktere – wurde von Marie Sann so konzipiert, dass sich Leserinnen und Leser mit ihr identifizieren können. Dazu trägt auch die interessante Verbindung von expliziten Inhalten mit einem farbenfrohen, geschwungenen Zeichenstil bei, der an Comics und Disney-Filme erinnert.
Wir haben Marie Sann auf dem Comic-Salon in Erlangen getroffen und mit ihr über ihren künstlerischen Werdegang, das Projekt Kinky Karrot sowie ihre Arbeit an Supergirl: The World gesprochen – pünktlich zum Kinostart des neuen DC-Films über die Heldin. 

Hallo Marie, und vielen Dank für Deine Zeit. Zum Einstieg würde ich Dich gerne fragen,  Wie hast du angefangen, Comics zu zeichnen, und wann hast du dich bewusst für diesen Weg entschieden?
Das Lustige ist, dass ich gestern auf einer Podiumsdiskussion zu Supergirl war und dort andere Comiczeichner:innen über ihren Werdegang gesprochen haben. Die meisten konnten einen klaren Moment benennen, in dem sie sich entschieden haben, Comiczeichner zu werden. Bei mir war das nicht so. Ich habe als Jugendliche angefangen, Mangas zu zeichnen und erste kleine Geschichten zu veröffentlichen. Danach habe ich an einer Adaption eines deutschen Bestseller-Autors mitgearbeitet, wo ich Yann Krehl  kennengelernt habe, mit dem ich bis heute zusammenarbeite. Nach diesem Projekt, Frostfeuer, habe ich erst einmal eine längere Pause gemacht, weil Comiczeichnen sehr arbeitsintensiv ist.
Ich hatte auch den Eindruck, dass man in Deutschland davon kaum leben kann. Man arbeitet oft parallel an anderen Jobs und zeichnet dann nachts weiter. Das war sehr anstrengend.
Trotzdem habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt, wenn ich keine Geschichten mit Bildern erzähle. Mit meinem eigenen Projekt Kinky Karrot, in dem ich eine klare Botschaft hatte, wurde mir bewusst, dass Comic eigentlich genau mein Medium ist. Ich habe eine gespaltenes Verhältnis zum Comiczeichnen, vor allem wegen der Arbeitsbedingungen. Man braucht viel Können, Disziplin und Zeit, wird aber oft nicht entsprechend entlohnt. Trotzdem mache ich es sehr gerne und habe durch meinen Patreon Account ja nun auch eine sehr schöne Möglichkeit gefunden, das Zeichnen zu monetarisieren, während ich meine Community am Arbeitsprozess teilhaben lassen kann.

Welche Werke oder Künstler:innen haben dich inspiriert?
Ehrlich gesagt habe ich selbst relativ wenig Comics gelesen, weil ich stattdessen immer schon die Zeit zum selbst zeichnen genutzt habe. Stilistisch war Disney ein früher und wichtiger Einfluss: schon als Kind habe ich Disney-Figuren kopiert, sobald ich einen Stift halten konnte. Später hat mich auch der Manga-Stil stark geprägt, bevor ich meinen eigenen Stil entwickelt habe. Konkrete Autor:innen, die mich direkt beeinflusst haben, gibt es für mich weniger.
Ich könnte auch keine reinen Geschichten schreiben. Ich habe Ideen, aber kein klassisches Skript im Kopf. Deshalb arbeite ich so gern mit Yann zusammen.

Also eher visuelle als erzählerische Einflüsse? Du hast gesagt Manga war am Anfang ein grosser Einfluss.
Ja, genau. Sailor Moon war damals sehr prägend. Aber konkrete Namen habe ich eigentlich nicht. Inspiration kommt für mich eher aus allem, was ich sehe und konsumiere, nicht aus einzelnen „Vorbildern“, die ich gezielt kopiert habe.

Kinky Karrot

Und du hast sehr früh schon an eigenen Projekten gearbeitet, auch Adaptionen und kleinere Arbeiten, die bei Tokyopop, also ein großes Verlag, erschienen sind. Wie war diese frühe Phase für dich?
Du bist gut informiert! Ich war damals zwischen 16 und 19 und habe parallel zum Abitur meine ersten Comics veröffentlicht.

Wie war diese Erfahrung so früh im Beruf zu sein? Du hast auch mit einem Szenaristen zusammengearbeitet, Guido Neukamm.
Es war sehr arbeitsintensiv und auch stressig, aber ich habe früh gelernt, dass Comicarbeit nur parallel zu anderen Verpflichtungen (in meinem Fall, zu meine Abitur) funktioniert, zumindest am Anfang. Ich habe gelernt, fleißig zu sein, produktiv und effektiv mit Zeit umzugehen.
Gleichzeitig war es aber auch sehr aufregend. Ich war jung, habe diesen Stil geliebt und wurde relativ schnell veröffentlicht. Zu sehen, dass meine Arbeit funktioniert und Aufmerksamkeit bekommt, war eine große Bestätigung. Ich konnte sehen, ich kann was Besonderes und wenn es dann Aufmerksamkeit bekommt, das ist das größte Lob, das ich kriegen kann. Und dann kam so die Idee, vielleicht ist das ja was, was ich auch später als Erwachsene mal machen kann.

Und dann hast du Erstmal Grafikdesign studiert und dann hast du im Game Design gearbeitet.
Ich habe mich erstamals an Kunstschulen beworben. Die haben mich wegen angeblich mangelnder künstlerischer Begabung abgelehnt. Das hat mich damals wahnsinnig geärgert, weil ich zum Glück wusste: Ich kann etwas, ich will zeichnen, und ich werde das mein ganzes Leben lang machen. Aber diese pauschalen Absagen, diese standardisierten Schreiben, die jedes Jahr verschickt werden – damit zerstören sie Lebensträume. Wenn Menschen noch nicht so gefestigt sind und noch keine ersten kleinen Erfolge mit dem Zeichnen oder allgemein im kreativen Bereich erlebt haben, kann so etwas wirklich verheerend sein. 
Und ja, danach habe ich zweieinhalb Jahre als Game Artist in einer Spielefirma gearbeitet.

Und hat dich das auch beeinflusst oder in eine andere Richtung gebracht?
Das habe ich einfach gemacht, um Geld zu verdienen und parallel Frostfeuer zeichnen zu können. Außerdem hat es mir gezeigt, dass es mich nicht sonderlich erfüllt, an Projekten zu arbeiten, die nicht meine eigenen sind oder die ich zumindest mit ins Leben gerufen habe.

Dein wichtigstes Projekt ist Kinky Karrot. Es ist eine von dir kreierte sex-positive Marke, die Menschen dabei hilft, ihre Sexualität und ihre kinky Neugier ohne Scham, Druck und Überforderung zu erkunden. Wie ist dieses Projekt entstanden? Wie bist du darauf gekommen?
Das ist wirklich ein Herzensprojekt für mich. Ich habe im Laufe meines Lebens immer wieder gemerkt, wie tabuisiert das Thema Sexualität ist und auch der Umgang mit sich selbst. Viele Menschen trauen sich nicht oder haben es nie gelernt, sich mit ihren eigenen Bedürfnissen auseinanderzusetzen – sexuell, aber auch im Hinblick auf Identität.
Wer will ich eigentlich sein? Wer darf ich in meiner Umgebung, in dieser Gesellschaft sein? Deswegen ist es mir wichtig, mit dem Projekt eine Aufmerksamkeit dafür zu schaffen. 
Als Jugendliche und junge Erwachsene hatte ich keine Quellen, die mich, gerade als Frau, wirklich angesprochen haben, weder stilistisch noch in der Art, wie Informationen vermittelt wurden. Und als ich dann Ende 20 war, kam der Gedanke: Warum versuche ich nicht, ein Projekt zu schaffen, das ich mir damals selbst gewünscht hätte?
Spannend ist auch, wie sich das Projekt entwickelt hat. Am Anfang bin ich nur von mir selbst ausgegangen und vom Feedback meiner unmittelbaren Umgebung. Jetzt, mit den ersten Veröffentlichungen, bekomme ich sehr viel Rückmeldung von außen.
Es ist wunderschön zu sehen, wie sehr es den Menschen bereits hilft. Gleichzeitig erfahre ich dadurch, welche Themen sie zusätzlich interessieren und was sie bewegt und beschäftigt. Deshalb wird daraus wohl ein wirklich großes Projekt entstehen, denn es gibt so viele Themen, die für die Menschen wichtig sind.

Viel von deinem Projekt geht um Körper, Selbstbewusstsein, aber auch um sexuelle Fantasien, die oft tabuisiert sind. Gab es in diesem Bereich künstlerische Einflüsse für dich – Dinge, die dich inspiriert haben oder auch bewusst abgegrenzt haben, weil du die Darstellung von Sexualität nicht möchtest?
Die Art, wie Sexualität dargestellt wird, war für mich oft problematisch. Es wird langsam besser, aber vieles ist einfach nur auf Erregung ausgelegt. Und genau das ist bei meinem Projekt nicht der Fall.
Ich zeige zwar Sexualität, weil ich sie als etwas Natürliches sehe und sie dazugehört, wenn man darüber spricht. Aber ich zeige sie nicht mit dem Ziel, jemanden zu erregen.

Ja, es ist mehr spielerisch, es ist etwas anders.
Es kann sexy sein, absolut. Die Figuren sind ja auch irgendwie sexy und “cute”, aber die Umsetzung ist nicht darauf ausgelegt zu erregen. Genau deshalb ist die Darstellungsweise auch sehr weich, wie du schon gesagt hast. Und viel von dem, was ich wahrnehme – generell die Darstellung von weiblichen Körpern – ist oft stark sexualisiert. Oder wenn Sex dargestellt wird, dann meist aus einer männlichen Perspektive.
Das hat mich immer gestört. Ich wollte eine weibliche Perspektive einbringen und mehr Diversität zeigen – in Körpern, aber auch in den Bedürfnissen, die wirklich existieren. Es gibt nicht nur eine Art von Sex.
Wenn man sich Pornos anschaut, wirkt es oft immer noch so, als gäbe es eine bestimmte Art, wie ein Mann „performen“ muss (und schon dieses Wort „performen“ finde ich problematisch). Genau so bedenkswert ist die Rolle der Frau darin – es sind diese festgelegten Rollenbilder, die ich hinterfragen wollte. Meiner Meinung nach sollte es eigentlich gar keine Rollen und Performance geben.Viele Darstellungen in Pornos oder sex-edukativen Inhalten empfinde ich als nicht gesund oder nicht hilfreich. Es sollte einladend sein, damit sich Menschen mit den Figuren identifizieren können. Deshalb habe ich bewusst einen freundlichen, niedlichen, warmen und bunten Stil  für Kinky Karrot gewählt.
Das Thema ist immer noch ein Tabu. Und genau deshalb wollte ich es so gestalten, dass es weniger Angst macht, sich damit auseinanderzusetzen.

Jetzt gibt es auch viele Comic-Künstler:innen, die stärker über Körper und Körperidentität arbeiten. Wie siehst du die Entwicklung in diese Richtung?
Ja, das ist schön. Ich merke, dass es insgesamt besser wird. Zum Beispiel auch, wie sich Sex-Shops verändern: Es gibt mehr Produkte für Paare, die freundlich und einladend wirken. Die Läden und Toys sehen insgesamt viel ansprechender aus als früher. Man geht eher gerne hinein und setzt sich damit auseinander, ohne dieses Unbehagen, das es vor 15 oder 20 Jahren noch gab. Da passiert etwas.
Auch in Serien und Filmen wird das Thema offener behandelt, nicht nur aus einer Perspektive. Und in der Comicwelt ebenfalls – und das freut mich sehr.
Gleichzeitig habe ich ein bisschen Angst, wie sich die Welt gerade entwickelt, dass es wieder Rückschritte gibt. Auch durch die Plattformen und Social Media. Die meisten sind amerikanisch, und ich und andere Künstler müssen Social Media nutzen, um Menschen zu erreichen. Das ist ein Widerspruch, denn eigentlich ist es schwierig, dort über Sexualität zu sprechen, weil Inhalte schnell gebannt werden.

Kinky Karrot

Und das wäre meine nächste Frage gewesen, zu Social Media. Gewalt lässt sich dort viel einfacher zeigen, aber sobald etwas sexuell ist oder Nacktheit vorkommt – oder sogar einfach nur weibliche Körper, dann wird man gebannt. Ich sehe auch, dass viel Arbeit in eine positivere Darstellung von Sexualität fließt, aber gleichzeitig gibt es diese Schwierigkeiten, besonders für Künstler:innen auf Social Media.
Es gibt insgesamt mehr Offenheit für das Thema und mehr Motivation, darüber zu sprechen oder es darzustellen. Aber das Problem ist die Abhängigkeit. Wir sind abhängig von großen Plattformen, und es gibt kaum Alternativen. Zwischendurch gab es Versuche, ein Pendant zu Twitter oder Instagram aufzubauen, aber die Leute wechseln nicht wirklich. Es ist zu bequem, es funktioniert zu gut. Diese Systeme sind perfekt optimiert. Konkurrenz aufzubauen ist extrem schwierig. Solange diese Abhängigkeit besteht, ist das ein großes Problem. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie man da rauskommt.
Man kann natürlich Comics auch anders veröffentlichen, aber dann muss man neue Wege finden, um Leute zu erreichen. Gleichzeitig sind viele Menschen bei Themen rund um das Entdecken von Sexualität online und beschäftigen sich erst einmal privat damit, vorsichtig, in den eigenen vier Wänden.
Und wenn man dort nicht offen sprechen kann, wird es sehr schwierig.

Und dann kommen wir zur Kinky Karrot Graphic Novel, Kinkerlitzchen (in Deutschland beim Splitter Verlag erschienen, Kinkaglierie auf Italienisch, bei Tentacle). Du hast mit Yann Krehl zusammengearbeitet. Wie ist die Verbindung zu Kinky Karrot? Du hast dort eher im Bereich Illustration und andere Formate gearbeitet, und jetzt geht es wieder stärker Richtung Comic.
Ja, es ist gut, dass du das fragst, weil das oft Verwirrung stiftet. Der Comic ist nur ein Teil der größeren Welt von Kinky Karrot.
Im Mittelpunkt steht Lizzie – der zentrale Charakter der Marke, mit dem sich Menschen idealerweise identifizieren und gemeinsam wachsen können. Im Comic begleiten wir sie auf ihrer sexuellen Entdeckungsreise. Sie probiert neue Dinge aus, hinterfragt sich, lernt dazu und entwickelt sich Schritt für Schritt weiter – genau wie die anderen Figuren der Geschichte. Doch Kinky Karrot geht weit über den Comic hinaus. Rund um diese Markenwelt entstehen nach und nach weitere Formate und Produkte, die Menschen dabei unterstützen sollen, ihre eigene Sexualität neugierig, selbstbestimmt und ohne Scham zu erkunden. Der Comic bildet dabei das Herzstück und wird als langfristige Serie fortgeführt. Gleichzeitig ist er nur ein Baustein einer größeren Markenwelt, in der Lizzie und die anderen Charaktere Menschen auf ganz unterschiedliche Weise auf ihrem persönlichen Entdeckungsweg begleiten.

Und sprechen wir nochmal über Comics und dein aktuelles Projekt: Supergirl: The World. Wie ist das entstanden?
Ich war ehrlich gesagt selbst überrascht. Ich wurde von Panini einfach gefragt, ob ich Lust hätte, das zu machen. Ich kannte die The World-Bände mit anderen Charakteren, aber ich wusste nicht, dass Supergirl als Nächstes kommt. Und ich war bisher eigentlich keine Superhelden-Leserin.
Leider auch, weil ich die ganze Zeit zeichne und mir oft nicht die Zeit zum Lesen nehme. Aber es war sehr spannend, mich damit zu beschäftigen. Ich kannte den Charakter natürlich vom Sehen und konnte ihn grob einordnen, aber ich wusste zum Beispiel nicht, wie komplex sie eigentlich ist.
Sie hat viele interessante innere Konflikte und ist ein sehr vielschichtiger Charakter. Das fand ich wirklich interessant. Während des Prozesses hatte ich richtig Spaß daran, sie kennenzulernen. Und sie hat für mich teilweise sogar einen komplexeren Charakter als Superman.

Unbenanntes Projekt

Sie hat einfach eine andere Geschichte.
Für mich auch aus einer feministischen Perspektive war sie sehr interessant: Welche Rolle hat sie als Frau in dieser Welt?
Oder ihre Position neben Superman – nicht nur als Sidekick, als der sie oft wahrgenommen wird. Genau das finde ich spannend. Mich interessiert bei ihr weniger die Superheldin mit ihren Kräften, sondern viel mehr ihr privater Charakter und ihre inneren Konflikte.

Das Superheldengenre zwar seit Beginn starke Frauenfiguren kennt – Wonder Woman als Beispiel –, diese Figuren aber lange von Männern geschrieben und gezeichnet wurden. Heute sind es zunehmend auch Frauen. Hast du dich damit beschäftigt, um den Charakter besser zu verstehen?
Der Verlag wollte ursprünglich, dass ich das Projekt auch schreibe, also ohne Autor arbeite. Die Idee dahinter war, das Ganze bewusst komplett aus einer weiblichen Perspektive zu entwickeln.
Ich verstehe diesen Gedanken, aber ich finde es problematisch, pauschal davon auszugehen, dass Männer keine sensiblen oder weiblich konnotierten Perspektiven schreiben können. Deshalb wollte ich unbedingt Yann mit im Team haben. Yann arbeitet auch bei Kinky Karrot mit mir, und ich finde, er kann diese weibliche Perspektive sehr gut einnehmen. Ich bin da wirklich beeindruckt von ihm.
Uns war wichtig, Supergirl als taffe Frau zu zeigen, aber auch gleichzeitig ihren Konflikten Raum zu geben. Ich habe selbst gar nicht so viel konsumiert, sondern mich eher informiert und versucht, mich in sie hineinzuversetzen.
Das mache ich eigentlich immer: Ich versuche, die Figuren wirklich zu fühlen, während ich sie zeichne. Und Yann macht das beim Schreiben ähnlich – er denkt sich in die Figuren hinein und fragt sich, wie sie in dieser Situation handeln würden.

Supergirl 6L DO Small

Zum Schluss noch eine Frage zur Entwicklung der Comicszene in Deutschland. Wir sind hier in Erlangen, beim Comic Salon, Deutschlands größtes Comic Festival. Deutschland hat ja keine so lange Comictradition wie zum Beispiel Frankreich oder Italien. Wie hast du die Entwicklung der Szene erlebt?
Ich weiß gar nicht, ob ich das so gut beurteilen kann. Die Verlage haben da sicher eine andere Perspektive, weil sie mit Verkaufszahlen arbeiten.
Grundsätzlich ist die Szene über die letzten Jahrzehnte gewachsen. Comics werden langsam, aber zunehmend als Kunstform wahrgenommen – etwas, das in Frankreich oder Italien schon viel etablierter ist.
In den letzten Jahren habe ich aber auch gemerkt, dass es wirtschaftlich wieder schwieriger wird, zumindest von dem, was ich von Verlagen so höre. Für mich persönlich ist es eher besser geworden, weil ich durch meine Veröffentlichungen bekannter geworden bin. Deshalb ist es schwer, das allgemein zu beurteilen.

Du bist dadurch auch ein Stück unabhängiger von Verlagen geworden.
Ja, auf jeden Fall – auch durch mein eigenes Projekt. Und bei Supergirl merke ich das sehr konkret: Das Buch ist hier noch gar nicht erschienen, es gibt nur das Cover und meinen Namen, und trotzdem bekomme ich schon viel mehr Anfragen für Commissions.

Nur wegen Supergirl?
Ja, nur weil ich eine Kurzgeschichte in diesem einen Band gezeichnet habe. Das ist einerseits natürlich großartig für mich.
Andererseits denke ich mir: Seit Jahren arbeite ich an Kinky Karrot, meinem großen Projekt, mit genauso viel Qualität und für mich sogar mit viel wichtigerem Inhalt. Und trotzdem entsteht diese starke Diskrepanz in der Wahrnehmung. Ich freue mich sehr, Teil von Supergirl und nun auch DC Ziechnerin zu sein. Aber ich finde interessant, wie unterschiedlich das wahrgenommen wird – einfach weil es eine bekannte Figur ist. Für mich ist es gerade eine Phase, in der ich mehr Sichtbarkeit bekomme und merke, dass Comics tatsächlich Erfolg bringen können. Die Szene wirkt dadurch lebendig.


Danke Marie Sann: Mal sehen, was neues aus Kinky Parrot kommt!

Interview gemacht während des Internationales Comic Salon Erlangen am 5.6.26

Marie Sann
Ist Illustratorin, Comiczeichnerin und Charakterdesignerin aus Deutschland. Sie arbeitet sowohl an internationalen Comicprojekten als auch an eigenen Graphic Novels und verbindet dabei ausdrucksstarke Illustrationen mit emotionalem Storytelling. Neben Arbeiten für Verlage wie DC Comics ist sie die Schöpferin von Kinky Karrot – einer Marke, die Menschen dazu ermutigt, ihre Sexualität und Identität frei von Scham zu entdecken. Mit ihrer Arbeit setzt sich Marie Sann für authentische, vielfältige Erzählungen ein und entwickelt kontinuierlich neue künstlerische Projekte.

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