Waltscomicsshop

Ein US-Comicshop in Berlin – Interview mit Walt’s Comic Shop

11 September 2025
Im September 2025 feiert ein besonderer Berliner Comicladen sein fünfjähriges Bestehen mit drei großen internationalen Gästen: Wir haben mit dem Inhaber darüber gesprochen.
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Am 20. September 2025 findet in Berlin ein für die Stadt eher ungewöhnliches Ereignis statt, mit der Anwesenheit von drei international renommierten Comiczeichnern: Christian Ward (unter seinen vielen Werken ist Batman: City of Madness das jüngste), Filipe Andrade (The Many Deaths of Laila Starr, Rare Flavours) und ein aufstrebender Stern des US-Comics, der ursprünglich aus Deutschland stammt, Jonas Scharf (Ultimate Universe: One Year In).

Ungewöhnlich deshalb, weil die deutsche Hauptstadt zwar ein sehr interessantes und hochwertiges Comicfestival (die Comic Invasion) beherbergt, das sich vor allem dem selbstproduzierten und Underground-Comic widmet – auch auf internationaler Ebene –, und obwohl sie Dutzende von Comicläden zählt (darunter den größten, Modern Graphics, der regelmäßig Veranstaltungen mit Autor*innen organisiert), drei bedeutende Verlage wie Reprodukt, Jaja Verlag und avant-verlag (über die wir bereits hier berichtet haben), sowie weitere kleinere Häuser und eine wunderschöne Bibliothek/Fanzinothek, Renate, die Treffen und Comic-Events veranstaltet, kann Berlin dennoch nicht als die Comic-Hauptstadt Deutschlands gelten. Die wichtigsten Veranstaltungen mit großen internationalen Gästen finden nämlich anderswo statt – in Erlangen, München oder Hamburg.

Warum also treffen sich am 20. September diese drei Künstler in Berlin? Um den Geburtstag von Walt’s Comic Shop zu feiern, einem vorwiegend online tätigen Comicladen mit einem großen Lager am Stadtrand, der sich seit 2020 auf den Vertrieb von US-Comics in Deutschland und auch in Europa spezialisiert hat.

Um die Geschichte dieses Unternehmens zu verstehen, das in wenigen Jahren beträchtliche Dimensionen erreicht hat und sich entschieden hat, sein fünfjähriges Bestehen so groß zu feiern – mit der Organisation einer echten Mini-Con –, haben wir den Inhaber, Cristian “Walt” Straub, interviewt.

Waltscomicsshop

Hallo Walt und danke fuer deine Zeit. Im September feiert ihr das fünfjährige Bestehen eures Comicladens. Ich möchte deshalb mit den Anfängen beginnen, wie du dich entschieden hast, diesen Weg einzuschlagen, und welche ersten Entscheidungen du in diese Richtung getroffen hast.
Von einer klaren Entscheidung kann man eigentlich nicht sprechen. Ich bin da eher reingeschlittert. Wie Du Dir denken kannst, begleiten mich Comics seit meiner Jugend, mal intensiver, mal weniger. Über Comixology (RIP) bin ich 2013 wieder voll eingestiegen. Zuerst nur mit Single Issues, dann kam ich online mit einer Sammlerszene in Kontakt, die ich gerne als  „Generation Shelfie“ bezeichne: Leute tauschten sich darüber aus, welche Ausgaben die ultimative Edition seien. Omnibus, Absolutes und Co. waren das große Ding, YouTube-Kanäle wie Omnibus Collector oder später Near Mint Condition haben den Hype angetrieben. Room Tours und Shelfies wurden zum Distinktionsspiel, vergriffene „Whales“ zur Jagdtrophäen…
2015 habe ich dann selbst einen kleinen YouTube-Kanal gestartet: Hauls, Rezensionen, Favoriten. Nicht riesig erfolgreich, aber ein paar tausend Abonnenten. Parallel fing ich an, eigene Omnibus und vergriffene Ausgaben über eBay zu verkaufen. Anfänglich einfach, weil die Preise verlockend waren und ich in meinem eigentlichen Job (Film) kaum Geld verdient habe.
Mit Covid explodierte das Ganze plötzlich. eBay forderte mich auf, meine Händlertätigkeit beim Finanzamt anzumelden. Erst dachte ich: „Das war’s. Mit Steuern lohnt sich das nicht mehr.“ Aber gleichzeitig war klar, die Nachfrage wächst. Neue Releases waren sofort vergriffen, Sammlerpreise überall. Da kam mir die Idee: Warum gibt es niemanden in Europa, der Omnibus im Vorverkauf anbietet? Eine echte Marktlücke. Um bei Diamond UK einzukaufen, brauchte ich eine richtige Webseite. So entstand waltscomicshop.com.
Von 100 qm Home-Office ging es 2021 auf eigene Räume, dann 2024 ins 400 qm Warehouse. Inzwischen sind es 1000 qm, sieben Vollzeitkräfte und doppelt so viele Teilzeitler. Ich glaube, ohne Übertreibung sagen zu können: Walt’s ist heute Europas führender Online-Shop für US-Comics.

Ihr habt von Anfang an auf Comics in englischer Sprache gesetzt: Woher stammt diese Entscheidung und wie hat sie euren Weg beeinflusst?
Ich habe mein Leben lang fast ausschließlich US-Comics gelesen, deshalb stand nie etwas anderes zur Debatte. Natürlich schätze ich die Meister wie Moebius, Bilal, Crepax oder Manara, aber zu Unterhaltungsklassikern wie Tintin oder Asterix hatte ich nie denselben Bezug. Vielleicht kommt das noch, es ist nie zu spät, Comic-Schätze neu zu entdecken. Und wer weiß, vielleicht ergänzen wir unser Sortiment eines Tages auch stärker um deutsche, französische oder italienische Ausgaben.

Waltscomicsshop2

Welche Resonanz habt ihr vom lokalen Publikum erhalten? Und generell, wie wichtig ist euch das städtische Publikum im Vergleich zu Kunden aus anderen Städten und Ländern?
Wir haben knapp 2,5 Jahre einen lokalen Shop in Berlin betrieben. Das war spannend, aber auch ernüchternd. Ein Laden rechnet sich kaum, wenn er nur als Verkaufsfläche dient. Online ist bequemer, günstiger und wir können dort weit über 30.000 Produkte anbieten. Im Laden wären das maximal 10 Prozent davon. Beratung ist heute auch nicht mehr exklusiv stationär. Wir verschicken 2 bis 3 Newsletter pro Woche mit einer Öffnungsrate von über 60 Prozent, betreiben Blogs, Bestseller-Listen und Social Media. Das ist relevanter, weil wir gezielt kuratieren können. Und wir geben uns was das angeht eine Menge Mühe!
Stationäre Shops haben dennoch ihre Rolle. Sie sind Orte für Events und Community. Deswegen wollen wir künftig eher in Richtung „Erlebnis-Shop“ gehen.

Deutschland hat eine Comics-Tradition, die sich von Frankreich, Belgien oder Italien unterscheidet. Wie war es für dich, in Deutschland einen Comicladen zu eröffnen? Gibt es Förderungen oder Hilfen?
Ich habe mich persönlich nie stark in die deutsche Comicszene eingebracht, weder als Leser noch als Händler. In Deutschland spielt der Comic eine kleinere Rolle. Es gibt einerseits historisch und pädagogisch geprägte Graphic Novels, andererseits eine starke Kunsthochschul-Szene mit DIY-Comics. Experimentell, radikal persönlich, aber oft mit wenig Reichweite. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber es ist keinesfalls vergleichbar mit Frankreich, Italien oder UK.
Für uns bedeutet das: Deutsche Leser schauen gerne ins Ausland. Da deutsche Marvel- und DC-Übersetzungen lange schwach waren, sind viele schon früh auf die US-Originale umgestiegen. Das kommt uns sehr entgegen, rund 25 Prozent unserer Bestellungen kommen aus Deutschland. Trotzdem verstehen wir uns als europäischen Shop, nicht als deutschen.

Waltscomicsshop team

Zur Feier des fünfjährigen Jubiläums habt ihr für den 20. September ein besonderes Event organisiert …
Ja, wir wollten den fünften Geburtstag größer feiern. Ich habe mich in den letzten Jahren von Events wie der New York Comic Con oder dem Lake Como Comic Art Festival inspirieren lassen. Berlin hat zwar mit der Comic Invasion ein tolles Indie- und DIY-Event, aber ein internationales Festival für Mainstream und Hochkultur-Comics fehlt. Ob wir das stemmen können, weiß ich nicht. Berlin ist ein hartes Pflaster. Aber die Nachfrage ist da. Allein in Berlin gibt es rund zehn Comicshops, viele davon verkaufen auch englischsprachige Titel. Das %Y Event ist ein erster Schritt…

Ihr habt drei große Namen eingeladen: Filipe Andrade, Christian Ward und Jonas Scharf. Wie seid ihr auf sie gekommen?
Wir sind da sehr subjektiv vorgegangen. Wen finden wir spannend, wen wollen wir treffen? Wir wollten verschiedene Leserschichten ansprechen, von Graphic Novel bis Superhelden-Serie. Eigentlich wollten wir fünf Künstler, aber ein paar haben kurzfristig abgesagt. Dafür kommt Omar von Near Mint Condition dazu. Für unsere Kunden ist er fast genauso wichtig wie die Schöpfer selbst. Am Ende glaube ich ist es genau der richtige Umfang für eine erste große Veranstaltung. Und diesmal haben wir uns auch bewusst nicht übernommen. Hoffentlich!

Waltsbirthday

Was kann man von der Veranstaltung erwarten?
Alle drei Künstler werden kostenfrei signieren und sketchen, das ist im US-Kontext sehr ungewöhnlich. Wir verwandeln unser Warehouse in ein Eventgelände: Comics, Live-Musik, Getränke, Gespräche. Omar macht eine Live-Sendung aus dem Warehouse, außerdem präsentieren wir die zweite Ausgabe unseres gedruckten Fanzines mit Interviews und dem Schwerpunkt How to Break Into Comics. Und es ist Batman Day! Ich glaube, das wird ein richtig schöner Tag für alle Comicfans.

Noch eine Frage zur Zukunft: Was erwartet ihr in der Comicwelt? Und was sind eure eigenen Ziele für die nächsten fünf Jahre?
Comics und Manga geht es hervorragend. Im Printbereich sind sie das einzige Medium mit echtem Wachstum. Ich bin sehr optimistisch für die Zukunft der neunten Kunst.
Für Walt’s gilt: Die letzten fünf Jahre fühlten sich wie zehn an. Und gleichzeitig wie ein Anfang. Wir haben viele Ideen, aber nie genug Ressourcen, um alles umzusetzen. Klar ist, wir werden unsere Internationalisierung fortsetzen. 2026 wird das Thema Events und stationärer Handel für uns eine Schlüsselrolle spielen. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann ich nur nahelegen sich für unsere Newsletter anzumelden (https://waltscomicshop.com/pages/additional-newsletters). Manche behaupten, dass einige von ihnen ziemlich unterhaltsam sind…

Interview gefuhert via mail im August

Screenshot

Cristian Walter Straub
In Rumänien geboren, dachte einst, er könnte Comiczeichner werden. Oder Religionswissenschaftler. Stattdessen trieb er durch Film, Musikproduktion, Modefilme, Drehbuchschreiben … Aus dieser Beharrlichkeit entstand Walt’s Comic Shop: Was in einer Ecke seiner Wohnung begann, ist fünf Jahre später zu einem der wichtigsten europäischen Zentren für amerikanische Comics geworden. Und Walt’s entwickelt sich immer weiter – vom Laden zum Generator einer eigenen Comic-Kultur: Fanzines, Events und noch fremdere Experimente, die erst noch kommen werden.

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