• ItalianoItaliano
  • Cronache Tedesche: Interview mit Nadine Redlich

    <strong>Cronache Tedesche: Interview mit Nadine Redlich</strong>
    Äpfel, die weinen, Steine, die sprechen, seltsame, vage anthropomorphe Figuren, die scherzen oder sich ärgern: willkommen ins Nadine Redlichs Welt.

    oneofthesedays3In der deutschen Comicszene macht Nadine Redlich mit einem eigenwilligen Erzählstil von sich reden, der vor allem im Jahr 2021 die Aufmerksamkeit von Publikum und Kritik auf sich gezogen hat. Nachdem sie während ihres Studiums Illustrationen für die New York Times, die ZEIT und die Süddeutsche Zeitung angefertigt hatte, wurde der Rotopol Verlag auf sie aufmerksam, als sie mit ihrer Diplomarbeit The Internet ein Werk sui generis schuf, das die Funktionsweise des Internets auf Papier und in analoger Form wiedergibt. Ein ehrgeiziges Projekt, das nie das Licht der Welt erblickte, aber bereits den Stil des Autors definierte, der sich aus präzisen Geometrien und einer einfachen, minimalistischen und stilisierten Linie zusammensetzt.

    Mit Ambient Comics 1 und 2, einer Sammlung von Strips für Rotopol, definiert Redlich ihre eigene Poetik, die nicht aus Personen, sondern aus Objekten und Räumen besteht, die durch ein festes und starres Panelsorganization betrachtet werden: sechs Vignetten, in denen unmerkliche Veränderungen den Fluss einer Erzählzeit definieren, die keine wirkliche Geschichte, sondern die Lauf der Zeit aus der Perspektive von lebloser Objekte und Gegenstände, erzählt. Die Reflexion über die Zeit und seine minimalen Veränderungen stehen im Mittelpunkt des Werks der Autorin, aber schon in Paniktotem, einer weiteren Sammlung kurzer Strips oder sogar einzelner Tafeln, wird sie durch eine menschlichere Dimension bereichert, die von grundlegenden Gefühlen spricht, während sie diese in Tiere, unbelebte Gegenstände oder seltsame pelzige Kreaturen verpflanzt: die Sammlung enthält einzelnen Illustrationen und einseitigen Geschichten, die den Veränderungen des Ausdrucks eines anthropomorphen, aber karikierten Gesichts folgen, aber auc hlängeren Geschichten, in denen z.B. ein Hund das Laufen einer Uhr beobachtet und diese Erfahrung als etwas Aufregendes wiedergibt: das Ergebnis ist spielerisch, erheiternd, aber auch beunruhigend.

    Diese Elemente, zusammen mit der grafischen Stilisierung, der Erzähltechnik, die darauf abzielt, den Lauf der Zeit detailliert zu vermitteln, und dem Erzählen von menschlichen Gefühlen, gemischt mit Sarkasmus und beißender Ironie, finden ihre Erfüllung in Stones, einem Comic aus dem Jahr 2021, der von der deutschen Kritik gut aufgenommen wurde und den Alltag eines sprechenden Steins erzählt. In einem Raster von sechs Vignetten, die nicht durch Leerräume unterteilt sind, interagiert die Steine vor einem festen Hintergrund aus flachen, grellen Farben mit dem Leser und der Welt um sie herum, während die Zeit um sie herum vergeht, sie über ihre eigene Existenz nachdenkt, sie bewegt wird, als wäre sie eine Person aus Fleisch und Blut, dank der Fähigkeit der Autorin, die Mimik der Protagonistin mit wenigen Strichen zu modulieren: haben wir es mit einem existenzialistischen Comic zu tun, der sich selbst nie ernst nimmt, der scherzt und amüsiert, aber auch in der Lage ist, von einem intellektuellen Standpunkt aus zu necken, indem er besser über die conditio humana spricht als viele autobiographische und nebelhafte Comics, die es auf dem deutschen Markt und anderswo gibt.

    Anlässlich der Veröffentlichung von Paniktotem durch Rulez in Italien haben wir sie interviewt, um mit ihr über ihren Stil, ihre Werke (insbesondere Paniktotem und Stones) und ihren Hintergrund zu sprechen.

    last_night.blauWann hast du damit begonnen, Illustrator und Cartoonist zu werden? Was war dein Weg?
    Ich habe schon immer gezeichnet. In meinem Kindergarten hat man als Belohnung immer etwas zum Ausmalen bekommen. Damit die anderen Kinder mich mögen, habe selber Vorlagen zum Ausmalen gezeichnet und verschenkt. Man könnte sagen, das waren meine ersten Illustrationsjobs. In der Schule habe ich hauptsächlich Cartoons gezeichnet, während Studiums hatte ich dann meine ersten Aufträge für Geld und nicht für Zuneigung.

    Wann hast du dein erstes Comic gelesen und welche war das dich inspiriert hat, eine Karriere in Comics und Illustration anzustreben? 
    An das erste Comic kann ich mich nicht erinnern, aber es wird etwas in Richtung Donald Duck oder Asterix und Obelix gewesen sein, als ich noch sehr klein war. Das waren die Comics, die in meinem Elternhaus rumflogen. Ich mochte alles von Walter Moers und die Peanuts. Später habe ich dann Comiczeichner wie Daniel Clowes, Jason und Lewis Trondheim entdeckt. 

    Du hast deine ersten Comics bei Rotopol Press veröffentlicht: Wie wichtig war der Verlag für deinen Weg zur Veröffentlichung?
    Auf einem Comicfestival habe ich damals Rotopol meine Abschlussarbeit gezeigt. Die Arbeit war zu kompliziert und für eine Veröffentlichung (Das Internet in einer Box), aber seitdem waren sie interessiert an neuen Ideen, das hat mir enorm geholfen. Rotopol hat mich immer unterstützt und mir gleichzeitig viele Freiheiten gelassen. 

    Deine ersten Comics waren Ambient Comics 1 und 2, die 2016 in einem einzigen Band zusammengefasst wurden. Eine Sammlung sehr spezieller einseitiger Comics: eine feste Struktur von sechs Vignetten, mit nur Objekten oder Umgebungen als Protagonisten, in denen nur eine kleine, nicht wahrnehmbare Veränderung von Anfang bis Ende beschrieben wird. Eine Erzählung von mikroskopischen Sachen und Änderungen: Kann man sagen, dass deiner erster Zugang zu Comics fast wissenschaftlich war, eine Studie darüber, wie man den Fluss der Zeit erzählt?
    In den meisten meiner Comics spielt Zeit bzw. Timing eine große Rolle. Für Buchprojekte ist es mir wichtig eine konzeptionellen Grundidee zu haben an der sich z.B. auch die Gestaltung orientiert. Daher ist sind die Ambient Comics nicht Freihand gezeichnet, sondern eher mit Lineal und Schablonen und es gibt keine Character. Es sollte so nüchtern und sachlich wie möglich daherkommen. 

    steinDiese Art des Erzählens hast du dann auf deine beiden folgenden Sammlungen übertragen: Paniktotem (die du in Italien zusammen mit Rulez vorstellt) und die von Kritiken und Publikum gefeierten Stones (von denen du einige Tafeln schon in Paniktotem veröffentlicht hatten). In beiden hast du feste viele Protagonisten (in Stones sogar nur eine Steine) eingeführt, die manchmal existenzialistische und psychologische Überlegungen stellen vor, manchmal leben sie nur grotesken Situationen: Wie sind diese beiden Comics entstanden? Und warum hast du Objekte und Tiere für diese Reflexionen gewählt und nicht Menschen?
    Paniktotem ist eine Sammlung aus Comics und Cartoons, die sich über die Jahre angesammelt haben. Nachdem ich die Idee einer „Stress“ Sammlung von Rotopol angenommen wurde, habe ich noch mehr zum Thema produziert, um es zu einem Buch mit einem gewissen Leserhythmus zusammenfassen zu können. Darunter war auch ein Stein Strip. Der Stein hat mir als Character zum erzählen von Geschichten sehr getaugt und ich habe nach der Veröffentlichung noch weiter mit ihm gearbeitet, so entstand die Idee zum Stones Buch.
    Ich finde, oft kann man Gefühle, Obsessionen, Neurosen etc. noch deutlicher darstellen, wenn sie nicht von anthropomorphen Figuren verkörpert werden. Ein weinender Apfel stellt für mich das Gefühl von Traurigkeit und Isolation deutlicher da, als ein weinender Mensch. Indem man die Gefühle vom Menschen trennt, werden sie eindeutiger. 

    Dein Stil ist sehr klar, minimalistisch: einfache Linien, flache Farben. Wie hast du diesen Stil entwickelt?
    Ich habe schon immer rundliche Figuren gezeichnet, die mit der Zeit immer einfacher wurden. Für Paniktotem habe ich angefangen die Zeichnungen einheitlich zu kolorieren, damit die Cartoons und Comics noch durch eine zusätzliche Klammer zusammengehalten werden und das Buch nicht auseinander fällt, das hat sich dann durchgesetzt.

    Du bist einer der profiliertesten Autoren der deutschen Szene der letzten Jahre. Der Comic hat in Deutschland keine lange Tradition, aber in der letzer Zeit hat seine Produktion deutlich zugenommen und wird auch im Ausland, wie in Frankreich, den USA und auch in Italien, wahrgenommen. Welche Überlegungen könntest du zur Welt der deutschen Comics anstellen? Welches sind die stärksten Trends, die erfolgreichsten in deiner Meinung? Und warum in der letzen 10 Jahren hat der deutschen Comicsproduktion zugenommen?
    Ich bin froh über die positiven Entwicklungen im deutschen Comic. Verlage wie zB auch Rotopol arbeiten unermüdlich daran junge Talente zu finden und zu fördern. Der Erfolg Zeichner wie Anna Haifisch, Aisha Franz, Max Baitinger tragen dazu bei, dass eine neue Generation an Zeichnern heran wächst, die dann wiederum eigene Festivals und Veranstaltungen organisieren und damit inspirieren.

    Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, Nadine! Eir hoffen, dass wir bald mehr von dir lesen können! Dank an Rulez für die Kontaktaufnahme mit der Autorin.

    Das Interview wird zwischen Dezember und Januar 2022-2023 per E-Mail geführt.

    NadineNadine Redlich
    lebt und arbeitet als Cartoonistin in Düsseldorf. Dort studierte sie an der Fachhochschule und beendete dieses Studium nach gefühlten 100 Jahren mit ihrer Abschlussarbeit „Das Internet“, einer analogen Version des Internets in Form von Comics und Cartoons. Während des Studiums begann sie als freiberufliche Zeichnerin zu arbeiten, zu ihren Auftraggebern gehören The New York Times, Die ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Google u.v.m.. Im Jahr 2017 veröffentlichte er bei Rotopol seine erste Comicsammlung Ambient Comics mit einem Vorwort des Cartoonisten Nicolas Mahler. Von da an wird er auch bei demselben Verlag I hate you – you just don’t know it yet, Paniktotem und 2022 die gefeierten Stones veröffentlichen. Teilweise bearbeitete Biografie: http://www.rotopolpress.de/kuenstler/nadine-redlich 

     

    Interview geführt in Zusammenarbeit mit Goethe Institut Rom

    Click to comment

    Leave a Reply

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert