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    Cronache Tedesche: interview mit Lukas Jüliger
    Zur Veröffentlichung des Comics Unfollow in Italien haben wir Lukas Jüliger, einen der interessantesten Autoren an der deutschen Szene in den letzten Jahren, interviewt.

    UnfollowCoverEisige und rätselhafte Figuren, Geschichten zwischen Realität und Science-Fiction, sehr aktuelle Themen aus faszinierenden Perspektiven: das ist Lukas Jüliger, der sich seit einigen Jahren als einer der talentiertesten deutschen Autoren etabliert hat. Zur Veröffentlichung seines Comics Unfollow in Italien haben wir ihn interviewt, um mehr über seiner Kunst und die Ideen hinter seinen Werken zu erfahren.

    Hallo Lukas und danke für deine Verfügbarkeit. Unfollow ist deine erste Arbeit, die in Italien veröffentlicht wurde. Erstmal möchte ich dich dem italienischen Publikum vorstellen und dich fragen: wie bist du zu Comics gekommen und welche war deine Ausbildung in dieser Richtung?
    Mein erster Kontakt mit Comics war mit fünf, als irgendwie ein Band der Teenage Mutant Ninja Turtles in meinen Besitz kam. Meine Eltern mochten die Gewaltdarstellungen darin nicht und verbaten mir, es zu lesen. Also habe ich selbst angefangen, Turtlecomics zu zeichnen. Später kam dann Tintin und Spirou dazu und ich wusste, was ich werden will wenn ich groß bin. Eine Ausbildung in dem Bereich habe ich nicht, ich bin Autodidakt. Ich habe später zwar offiziell Illustration studiert, aber schon nach drei Semestern zwei Jahre Pause gemacht um Vakuum zu schreiben/zeichnen.

    Unfollow geht von einer sehr interessanten Idee aus: die Erde in einem Menschen zu verkörpern und ihn ein Influencer zu machen. Mit einem Schlag sprichst du über viele Probleme unserer Gegenwart. Wie hat sich die embryonale Idee dieses Comics entwickelt? Gab es eine bestimmte Episode, die dir diese Idee einflößte? Und warum ein Influencer?
    Die Grundidee der Geschichte basiert auf einer Kurzgeschichte, die ich mit 20 geschrieben habe. Darin vergräbt sich ein Jugendlicher im Wald und mutiert zu einem rachsüchtigen Waldgott, der die Menschheit unterjocht. Schwer zu sagen, woher die Ideen kommen. Und Influencer deshalb, weil das aktuell die beste Möglichkeit ist, viele Menschen zu erreichen: Eine Marke aufbauen.

    Das Klima und sein Zusammenbruch ist sicherlich der Hauptprotagonist dieser Geschichte. Die Bewegung von Earthboi beginnt als vernetzte Sozialesbewegung, aber während der Geschichte wird es zu einem ökologischen “Kult”. Ist Radikalisierung der einzige Weg, um die Tragödie unseres Planeten zu stoppen?
    Es ist ein Weg von vielen und sicher nicht der ideale. Der ideale Weg wäre der von Vernunft und Zusammenarbeit. Dass dieser Weg nicht zustande kommt, trägt zu meiner Frustration bei, die ich mit dieser Geschichte kanalisiere. Es ist eine zutiefst emotionale Geschichte und spiegelt nicht zwingend wieder, wie ich die Dinge sehe oder was ich für den richtigen Weg halte.

    Denkst du, dass Comics im Allgemeinendas richtige Instrument sein können, um eine Umweltrevolution voranzutreiben? Sind Social Networks auch dabei? Die Organisation von Friday for Futures, die auch in Deutschland eine sehr partizipative Bewegung ist, hat eine große Kraft dank Social Media gekriegt.
    Nein, dafür ist das Publikum zu klein. Aber ich glaube an Kunst als Mittel zur Meinungsbildung. Es ist möglich, dass die Saat auf den richtigen Nährboden trifft und mein Buch etwas in einem entscheidenden Gehirn bewirkt. Und natürlich sind Social Networks eine Chance. Aber eben eine Chance für alle Seiten. Übrigens ein kleiner Disclaimer: Die Geschichte war fertig geschrieben bevor Firdays for Future auf der Bildfläche erschienen ist. Das bedeutet ich bin eine Visionär!

    Jenseits Klimawandel, ich bin sehr interessiert an deinem Nachdenken über Technologie und Social Media. Dein Youtuber und Influencer werden als Rockstar und Messias dargestellt, die eigene Religionen bilden. Und es ist auch interessant, dass du dich dafür entschieden hat, die eisernsten Anhänger über die Außenseiter sprechen zu lassen, die das Gleichnis von Earthboi erzählen (und beeinflussen): Ist dies eine Kritik an dem blinden Glauben von Fanboy-Basis? Oder vielleicht nur an dem allgemeinen sozialen System, das jeden in einem heiligen Mann verwandelt?
    Es ist keine Kritik und kein sozialer Kommentar. Ich setze mich beim Schreiben nicht hin und überlege, was ich meinen LeserInnen sagen möchte, sondern wie ich eine lebendige, gute Geschichte erzähle, die ich selbst gerne lesen würde. Als ich Unfollow geschrieben habe, war ich gerade sehr fasziniert vom Format der Rockstarbiografie. Und ich habe mich schon immer für religiöse Kulte wie People’s Temple, Heaven’s Gate, Aum Shinrikyo und so weiter interessiert. Das kombiniert mit meiner Wut im Angesicht des Kilmawandels und meinem Konsum von Cloudrap und Instagram in dieser Zeit ergeben die Zutaten für das Buch. Menschen wissen eigentlich, dass es nicht gut endet, blind einem einzelnen Menschen zu folgen. Dafür braucht niemand mein Buch. Aber was wirklich gefährlich ist, sind die Anhänger.

    Unfollow_Jueliger-43Die Macht, dass manchmal die sozialen Netzwerke haben, Ideen in die Köpfe der Followers zu infiltrieren, ist sehr beunruhigend. Der Titel Unfollow unterstreicht eine etwa kritische Beziehung zu Social Media. Die Verbindung über soziale Medien bringt mit sich den Vorteil der Vernetzung mit anderen; dennoch  denkst du, dass das Abschalten und die Trennung von Socials eine wahrere Beziehung zwischen Menschen befördern kann?
    Der Titel Unfollow steht für den Moment der Erkenntnis, der sich idealerweise im letzten Akt einstellen sollte: Als LeserIn ist man unkritisch der Erzählung von Earthbois Jüngern gefolgt, die im Desaster endet und muss das gesamte Narrativ hinterfragen, das sie aufgebaut haben. Denn sie schaffen einen Schöpfungsmythos für ihre eigene Bewegung und man muss sich fragen, wie viel an alledem wahr ist. Zum anderen steht Unfollow für das Aussteigen, dafür off the grid alternative Lebensentwürfe zu erkunden, wie Earthbois Anhänger es in ihrer Kommune tun und wonach sich viele Menschen heutzutage auf verschiedene Weise sehen.
    Ich finde es schwer zu sagen, was eine „wahre Beziehung zwischen Menschen“ ist. Ich sehe Social Media als unumgänglichen Teil der menschlichen Evolution. „Wahre Beziehung“ bezeichnet in meinen Augen eine alte Beziehung, die immer mehr verschwinden wird. Die Entwicklung, Evolution, ist nicht aufzuhalten und es ist schwer von unserer Warte aus zu beurteilen, ob es auf die ganzheitliche Entwicklung der Menschheit bezogen für die Zukunft eine gute oder schlechte Entwicklung ist. Natürlich neigen wir dazu, es negativ zu sehen, weil wir es aktuell erleben und die Umbrüche sich in diesem Moment drastisch anfühlen.

    Das Ende von Unfollow ist sehr dramatisch: einerseits haben wir die Wahl von Earthboi, andererseits die von Yu. Du hast in einem Interview gesagt, dass beide Charaktere deine Natur widerspiegeln: Wie hast du sie mit deiner Persönlichkeit erfüllt?
    Ich weiß nicht, wie viel von meiner Persönlichkeit in den Figuren steckt, weil ich meinen eigenen Kopf nicht verlassen kann. Die Frage müsste ein Mensch beantworten, der mich gut kennt. Aber ich kann sagen, dass Earthboi, bzw. die Erzähler die emotionale Seite meines inneren Dialogs im Angesicht des Klimawandels einnehmen und Yu die vernünftige, konstruktive Seite.

    Hinsichtlich deines Stiles, deine Charaktere sind eisig, fast außerirdisch und außermenschlich. Wer hat deinen Stil beeinflusst? Welche war deine Idee hinter den künstlerischen Schaffen der zwei Charaktere?
    Ich finde nicht, dass meine Charaktere eisig sind. Vor allem in Yu steckt viel Liebe und Wärme, die aber vielleicht nur ich fühle, weil ich sie geschaffen habe und ihre Versatzstücke kenne, die zum Teil dem echten Leben entlehnt sind. Aber sie sind bewusst statisch und lassen ihre Persönlichkeit betreffend viel Raum um sie zu füllen. Das ist der Art der Erzählung geschuldet, die ja eine fast ätherische, evangelikale ist. Sie sind Figuren auf Kirchenfenstern oder Höhlenmalereien, die einem höheren Zweck dienen, an die Ewigkeit gerichtet sind und einen Mythos bebildern.

    Wie lange hat es gedauert, diese Arbeit zu erstellen? Arbeitest du nur digital oder lieber auf Papier?
    Zwei Jahre und drei Monate. Ich habe ein Jahr geschrieben, zehn Monate gezeichnet und vier Monate koloriert, getextet, korrigiert etc. Ich versuche, zukünftig digitaler zu arbeiten weil es ökonomischer ist. Aber dieses Buch musste auf Papier gezeichnet werden und ich weiß nicht, ob ich jemals komplett digital arbeiten werde. Aber mal sehen. Evolution.

    Welche ist die Idee hinter der Auswahl der Farben, die zwischen Zweifarben Rosa- und Blautönen wechseln?
    Das sind Farben, die sich richtig angefühlt haben. Und für mich spielen sich fast alle Szenen bei Dämmerung ab, was ja für Endzeit oder Neubeginn stehen kann. Die Farben haben also tatsächlich eine metaphorische Funktion.

    Ich war besonders fasziniert von der Art der Erzählung: die Geschichte wurde komplett von den Anhängern von Earthboi erzählt, die Cartoons sind getrennt von den externen Bildunterschriften die den weißen Raum besetzen. Es gibt keinen Ballon, keine direkte Rede. Eine Lösung, die du auch in Berenice benutztest, wobei Vakuum ein viel kanonischerer Comic war. Warum hast du dich für diese Struktur entschieden? Ich habe in diesem Element die Struktur von Social Networks, wie Facebook oder Instagram, erkannt, mit dem typischen Aufeinanderfolgen von Bildern.
    Wie angedeutet, ist die Erzählstruktur an das Format der Biographie angelehnt. Außerdem ist es ein Evangelium, eine Kampfschrift. Deshalb gibt es keinen Dialog im klassischen Sinne.

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    Hat die deutsche Karikaturentradition, wie z.B. Mosaik oder andere, diese Wahl beeinflusst?
    Nein, für sowas interessiere ich mich nicht.

    Endlich möchte ich dich noch ein paar Fragen über die deutsche Comiclandschaft stellen:  wie ist es, ein Comic-Künstler in Deutschland zu sein? Ich beschäftige mich mit deutschen Comics seit einigen Jahren und ich habe das Gefühl, dass diese Kunstform von Publikum immer mehr erkannt wird und auch vom Staat immer mehr unterstützt wird. Gleichzeitig ist der Markt jedoch hauptsächlich von Importen dominiert. Ist dies eine treibende Kraft für den gesamten Sektor oder stellt das ein Risiko dar, indem es die interne Produktion zerquetscht?
    Ich habe auch das Gefühl, dass die Kunstform zunehmend ernster genommen wird. Und ich finde, dass die Prägung des Begriffs Graphic Novel dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Ich weiß, dass sich an dem Begriff die Geister scheiden aber ich bin auf der Seite von allem, was meine Bücher tiefer in den Mainstream-Buchhandel rückt. Und ja, es gibt mehr und besser dotierte Stipendien. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die Landschaft von Importen dominiert wird, aber mein Blick liegt vor allem auf Independent Comics. Dort sehe ich ziemlich viele homegrown Artists und die internationalen Titel, die z.B. Reprodukt, auf den Markt bringt, befruchten diesen in meinen Augen.

    Wir sind am Ende dieses Interviews und wir können einen Blick in die Zukunft werfen: Wo sieht sich Lukas Jülinger in ein paar Jahren? Sind schon neue Comic-Projekte in Sicht?
    In einem Tiny Home in Waldnähe, mit weiteren übersetzten Buchtiteln auf dem Markt. Ja, ich arbeite nahtlos weiter. Ich liebe es, morgens aufzuwachen und etwas zu haben, das ich erkunden und an dem ich arbeiten kann.

    Pressebild_LukasJuligerVielen Dank Lukas für deine Zeit, wir hoffen mehrere deine Werke in Italien zu lesen!

    Interview per E-Mail im März gemacht

    Lukas Jüliger

    Lukas Jüliger ist einer der interessantesten jungen Gegenwartsautoren des deutschen Comics. Geboren 1988, studierte er zunächst an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und später an der ENSAD (École nationale supérieure des Arts Décoratifs) in Paris. 2013 erschien bei Reprodukt sein rätselhaftes Debüt Vakuum. Sein “verfremdender” und eisiger Stil überzeugte die deutsche Kritik. 2018 gehört er zu den von Isabel Kreitz engagierten Autoren für die Carlsen-Reihe Die Unheimlichen, für die er Edgar Allan Poes Erzählung Berenice adaptiert und in die heutige Zeit versetzt. Im Jahr 2020 veröffentlichte er, wiederum bei Reprodukt, Unfollow, das von Publikum und Kritikern sehr gelobt wurde und auch in Italien jetzt bei Edizioni di Atlantide in der Reihe Blu Atlantide erschien ist. Er lebt und arbeitet in Berlin als Cartoonist und Illustrator und kooperiert u.a. auch mit Le Monde Diplomatique und dem Goethe-Institut. Um eine Vorstellung von seinem besonderen Stil zu bekommen, werfen Sie einen Blick auf seine Website: www.lukasjueliger.com

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